Latente Angst ausgeschlossen zu werden

Die latente Angst, im Arbeitsumfeld sozial ausgegrenzt zu werden.

Im Arbeitsumfeld kommt es immer wieder – und recht häufig vor – dass Menschen nicht mitteilen, was sie empfinden. Sie halten ihre Meinung und ihre Bedürfnisse unter Verschluss. Oft sagen sie lieber nichts und bringen sich in Meetings kaum ein. Auf der anderen Seite: Führungskräfte beklagen sich darüber – über dieses Schweigen. Und sie fühlen sich oft sehr hilflos und überfordert. Es soll den Mitarbeitern an Interesse, an Motivation fehlen. Manchmal sieht es von aussen aus, wie wenn sie auf Stand-By gestellt sind.

Aktuelle Studien von Gallup weisen nach, dass 83% der Belegschaft in unserem Lande bei der Arbeit demotiviert sind. Irgendwie abgelöscht. Eine direkte Folge der gelebten Führungskultur. Die Folge: – „Dienst nach Vorschrift“.

Ich möchte das in diesem Blog weiter erläutern, weil es mich sehr beschäftigt. Damit vernichten wir nämlich ein riesiges Potential, das ungenutzt brach liegt. Und es behindert neurodivergente Menschen sich voll und ganz einzubringen – anstatt „Dienst nach Vorschrift“ zu leisten.

Schätzungsweise 15-20% der Weltbevölkerung sind neurodivergent – das bedeutet, ihr Gehirn entwickelt und funktioniert anders als bei der Mehrheit der Menschen. Diese neurologischen Unterschiede manifestieren sich in verschiedenen Formen wie ADHS, Autismus oder Dyslexie und bringen sowohl einzigartige Stärken als auch besondere Herausforderungen mit sich.

Der Begriff neurodivergent beschreibt Menschen, deren neurologische Entwicklung und Funktionsweise von dem abweicht, was gesellschaftlich als „normal“ oder „typisch“ betrachtet wird. Statt diese Unterschiede als Defizite zu sehen, rückt das Konzept der Neurodiversität die natürliche Variation menschlicher Gehirnfunktionen in den Vordergrund. Wir sprechen hier oft auch von Hochsensitivität.

Sozialer Ausschluss wird in der Führung in der Arbeitswelt immer noch als Strafe zum Disziplinieren von Menschen eingesetzt. Obwohl wir wissen, dass er im Gehirn wie körperlicher Schmerz wirkt. Ich beleuchte hier die neurobiologischen und psychischen Folgen dieses Mechanismus und zeige auf, warum beziehungsorientierte Alternativen (Bonding) nicht nur wirksamer, sondern auch ethisch notwendig sind.

Neurobiologische Perspektiven – und warum das Konzept  des sozialen Ausschlusses eine solch verheerende Wirkung entfaltet

1. Das Phänomen: Sozialer Ausschluss wirkt wie Schmerz

Sozialer Ausschluss ist kein harmloses Mittel um Menschen gefügig zu machen. Er ist ein tief wirksamer Stressor.

Neurobiologische Forschung zeigt, dass soziale Zurückweisung, Isolation oder Ausschluss dieselben neuronalen Netzwerke aktiviert wie körperlicher Schmerz.

Besonders betroffen sind Hirnareale, die für Bedrohungswahrnehmung, Schmerzverarbeitung und Stressregulation zuständig sind.

Aus evolutionsbiologischer Sicht ist dies gut erklärbar:
Der Ausschluss aus der Gruppe bedeutete über einen Großteil der Menschheitsgeschichte Lebensgefahr. Zugehörigkeit war essenziell für Schutz, Nahrung und Überleben. Unser Nervensystem ist daher bis heute darauf ausgerichtet, sozialen Ausschluss als existentielle Bedrohung zu interpretieren.

Wichtig:
Dieses System unterscheidet nicht zwischen einem steinzeitlichen Clan und einem Team, einer Abteilung, einem Unternehmen. Für erwachsene Menschen ist der Ausschluss aus ihrer sozialen Bezugsgruppe neurobiologisch immer noch ein Überlebenssignal.

2. Führungspraxis: Ausschluss als Disziplinierungsinstrument

Trotz dieses Wissens wird sozialer Ausschluss bis heute systematisch eingesetzt, unter anderem durch:

  • Ausschluss aus dem Team, Versetzung
  • Ausschluss von Aktivitäten, Feierabendbier oder Ausflügen
  • „Time-out“-Maßnahmen ohne Beziehungsangebot
  • Nicht-Teilnahme an Gemeinschaftsereignissen
  • Isolierende Sanktionen – zugewiesener Arbeitsplatz

Diese Maßnahmen werden häufig damit begründet, dass ein Mensch „stört“, „Regeln nicht einhält“ oder „Grenzen lernen muss“. Tatsächlich handelt es sich dabei um verdeckte soziale Bestrafung, die auf Trennung statt Beziehung setzt.

3. Die psychischen Folgen: Tiefe Verletzungen statt Lernen

Sozialer Ausschluss führt nicht zu nachhaltiger Verhaltensänderung, sondern häufig zu:

  • Scham und Selbstabwertung
  • Angst vor weiterer Ablehnung
  • Verstärktem Stress- und Alarmzustand
  • Bindungsunsicherheit oder -abbruch
  • Internalisierenden Symptomen (Rückzug, Depression)
  • Externalisierenden Symptomen (Aggression, Regelbruch)

Für viele Menschen – insbesondere für jene mit frühen Belastungen, Bindungsverletzungen oder traumatischen Erfahrungen – wirkt sozialer Ausschluss retraumatisierend.

Er bestätigt unbewusst alte innere Überzeugungen wie:

  • „Ich gehöre nicht dazu.“
  • „Mit mir stimmt etwas nicht.“
  • „Ich werde verlassen, wenn ich schwierig bin.“

Damit wird nicht Verhalten reguliert, sondern Beziehungssicherheit zerstört.

4. Warum Ausschluss kein Lernen und Reflektieren ermöglicht

Lernen setzt voraus:

  • emotionale Sicherheit
  • ein reguliertes Nervensystem
  • Beziehung und Resonanz

Sozialer Ausschluss bewirkt das Gegenteil. Menschen im Stress- oder Alarmzustand können nicht reflektieren, Verantwortung übernehmen oder ihr Verhalten bewusst verändern. Sie reagieren im Überlebensmodus: Kampf, Flucht, Erstarrung oder Anpassung aus Angst.

Das bedeutet:

Was äußerlich wie „Anpassung“ aussieht, ist häufig blosse Unterwerfung oder Dissoziation – kein echtes Verstehen.

5. Der Kernfehler: Verhalten kontrollieren statt Ursachen verstehen

Klassische verhaltensorientierte Führung geht davon aus:

Problematisches Verhalten muss korrigiert oder sanktioniert werden.

Moderne entwicklungspsychologische und traumapädagogische Ansätze zeigen jedoch:

Verhalten ist ein Signal, kein Fehlverhalten.

Auffälliges Verhalten weist häufig hin auf:

  • Überforderung
  • ungelöste innere Konflikte
  • unerfüllte Bedürfnisse
  • Stress, Angst oder Ohnmacht
  • fehlende Co-Regulation

Wer ausschließlich Verhalten „anpassen“ will, ohne die zugrunde liegende Not zu verstehen, arbeitet gegen den Menschen – nicht mit ihm.

6. Was stattdessen wirksam und ethisch vertretbar ist

Beziehung statt Ausschluss

Menschen brauchen Zugehörigkeit (Bonding) gerade dann, wenn sie schwierig sind. Beziehung ist kein Bonus für angepasstes Verhalten, sondern Voraussetzung für Entwicklung.

Co-Regulation statt Isolation

Ein dysregulierter Mensch braucht ein regulierendes Gegenüber:

  • ruhige Präsenz
  • Benennung von Gefühlen
  • Halt und Struktur
  • zeitlich begrenzte Pausen mit Beziehung, nicht allein

 

Verhalten als Ausdruck verstehen

Zentrale Frage nicht:

„Wie bringen wir den Menschen dazu, sich richtig zu verhalten?“

Sondern:

„Was zeigt uns dieses Verhalten über den inneren Zustand des Menschen?“

 

Führungsverantwortung statt Machtmittel

Grenzen dürfen und müssen gesetzt werden – ohne Beziehung zu entziehen, wenn man sich oder andere schützen muss.

  • in Begleitung
  • reparierend
  • entwicklungsfördernd
  • nicht beschämend sein
  • kein Blossstellen vor anderen

7. Fazit: Ein Paradigmenwechsel ist notwendig

Sozialer Ausschluss als Strafe ist:

  • neurobiologisch hoch wirksam
  • psychisch verletzend
  • führungstechnisch kontraproduktiv
  • ethisch nicht haltbar

Dass dieser Mechanismus bis heute im Arbeitsumfeld und in Institutionen verbreitet ist, zeigt  den Mangel an beziehungsorientierten, traumasensiblen Konzepten.

Eine zukunftsfähige Führung verabschiedet sich von Verhaltensanpassung durch Angst und setzt stattdessen auf:

  • Beziehung
  • Verstehen
  • Sicherheit
  • Ermöglichen von korrigierenden Beziehungserfahrungen
  • Co-Regulation
  • Ein erholsames und inspirierendes Gespräch oder ein gemeinsamer Spaziergang in der Natur 


Du findest mehr inspirierende Texte zu diesem und anderen Themen in meinen Blogs

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Herzlich

 

Ich kann dir nicht versprechen, dass du über Nacht reich wirst.
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